Ich stelle Fragen an mich selbst.
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Hallo.
Hallo. Was bedeutet dir das Zeichnen und Malen?
Es geht mir im ersten Moment ums Machen, um ein Sein-Dürfen und um den Rückzug. Es ist für mich eine Möglichkeit, dem Alltag, meinen gelebten Rollen und der ständigen Überreizung zu entfliehen, mich konzentriert zu sammeln und auf das zu reagieren, was mich umgibt.
Das hört sich gut an!
Es geht auch darum, zu dem eigenen Inneren zu gehen. Ich persönlich glaube, dass alles, was wir erleben und mit unseren Sinneswahrnehmungen aufnehmen irgendwo gespeichert wird. Diesen Speicher an Erfahrungen tragen wir in uns und er beeinflusst unsere Handlungen und unsere Gedanken, er macht uns also zu dem Menschen, den wir im Hier und Jetzt sind.
Suchst du also in deiner künstlerischen Arbeit deine innere Ruhe?
Ja genau. Der Rückzug ins Atelier ist für mich eine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und zu verarbeiten, was ich erlebe und was um mich herum geschieht. Die Welt steht vielen von uns offen, so offen, dass wir uns darin verlieren können. Die Erwartungen der Gesellschaft und dadurch oft auch jene an uns selber, werden immer höher. Es gibt immer und jederzeit viel zu sehen, zu tun, zu hören, zu machen. Oft zu viel. Für mich jedenfalls.
Wie gehst du beim Arbeiten vor?
Ich richte mich in meinem Atelier ein. Ich arbeite in einem grossen Raum, wo verschiedene Leute künstlerisch tätig sind. Man hört die anderen arbeiten, die Trennwände geben jedoch die nötige Distanz. Diese konzentrierte Arbeitsatmosphäre mag ich sehr. Das bewusste Setting von Raum, Geist und Körper ist für mich wichtig, um überhaupt beginnen zu können. Ich setze mich an den Arbeitstisch, nehme Farbstift oder Pinsel zur Hand und beginne. Mit einem Strich fange ich an, irgendwo auf dem Blatt oder auf einer Seite im Skizzenbuch. Die Bewegungen sind meist schnell, entschieden. Aus einem Strich ergibt sich eine erste Form oder eine Fläche. Ich arbeite ohne anfängliche Idee, ohne ein konkretes Thema oder eine Vorlage im Kopf zu haben. Intuitiv aus mir heraus. Ich reagiere ständig auf das, was ich sehe und was sich ergibt. Oft arbeite ich an verschiedenen Bildern gleichzeitig und wechsle hin und her, bis ich das innere Gefühl habe, dass das Bild für mich jetzt abgeschlossen ist. Ich frage mich oft, wie meine Bilder genau entstehen. Ist es Intuition, ist es Phantasie oder sind es Erinnerungen? War ich schon einmal an einem Ort, der diese Farbe getragen hat oder an dem eine solche Atmosphäre herrschte?
Was will du mit deinen Bildern bewirken?
Ich sehe meine Bilder als eine Art Vokabular, bildhafte Wörter also, welche die Betrachtenden individuell verstehen dürfen. Es sind Hinweise oder Fragmente von Orten oder von Objekten. Man kann in den Bildern etwas für sich entdecken und vielleicht werden auch Erinnerungen wachgerufen. Es geht dabei um das Eigene, die eigene Geschichte und die eigene Herkunft. Die Bedeutung entsteht in der Kombination der verschiedenen Bildfragmente, der intuitiven Eindrücke und der Deutungsansätze.
Wie und warum zeigst du deine persönlichen Bilder einem Publikum?
Ich will mein künstlerisches Arbeiten nach Aussen tragen und in einen Austausch treten. Ich habe begonnen, meine Bilder und mein Anliegen vor einem Gegenüber auszulegen und somit von meinem Inneren zu lösen. Diese performativen Präsentationen nenne ich «Legungen». Dabei arbeite ich mit den Zeichnungen und Malereien aus meiner Sammlung, welche in den letzten Jahren entstanden ist und stetig weiterwächst. Die Bilder werden auf diese Weise immer wieder neu und nach unterschiedlichen Kriterien geordnet.
Wie gehst du beim Legen vor?
Bei den Legungen gehe ich gleich vor wie beim Zeichnen und Malen. Es geht mir darum, eine Konzentration aufzubauen, in der ich ungestört sein kann und zu meinem Inneren, zu meiner Intuition finde. Ich suche nach unterschiedlichen Möglichkeiten, wie die Bilder auf einen Tisch, aber auch auf den Boden oder auf eine andere Unterlage gelegt werden können. Die Auswahl und Kombination erfolgen spontan. Der Rhythmus des Legens, die Abfolge und die Ausrichtung spielen beim Legen eine Rolle. Ich lade mein Gegenüber dabei ein, eine eigene Erfahrung des Rückzuges und des Innehaltens zu machen.
Solche Legungen zeigst du nun an deiner Abschluss-Ausstellung?
Ja genau. Zum einen habe ich in meinem Atelier über einen bestimmten Zeitraum meine Bilder in verschiedenen Variationen auf dem Boden ausgelegt. Von jedem dieser Tage zeige ich eine dokumentierte Legung. Nebst diesen gefilmten Konserven lade ich bei meinem Kooperationspartner Ahoi Space in der Luzerner Altstadt zu verschiedenen Live-Legungen vor Ort ein. Während meiner Ausstellung lege ich jeden Tag über Mittag meine Bilder vor jeweils einer eingeladenen Person aus. Es ist als eine, über eine ganze Woche gezogene, Performance zu verstehen. Am Ende der jeweiligen Legung, lasse ich die Bilder auf der Unterlage liegen und beginne die nächste Lege-Performace da, wo ich aufgehört habe. Das Schaufenster ermöglicht vorbeigehenden Passanten oder Interessierten bei der Live-Legung von Aussen teilzuhaben oder die gelegten Bilder in meiner Abwesenheit zu betrachten. Die Dokumentation davon wird später zu meinem Archiv auf der Webseite hinzugefügt. Ich verstehe die verschiedenen Settings von Legungen als Anfang einer Werkgruppe, die sich auch in Zukunft weiterentwickeln wird.
Deine Filme tragen als Titel ein Datum und eine Uhrzeit. Was bedeutet das?
Ich verweise dabei auf den Zeitpunkt, wann ich die Bilder gelegt habe. Ich nehme mit dem Titel Bezug auf den zeitlichen Aspekt, welcher meine Live-Legungen beinhalten. Die Filme oder Fotos sind demnach als eine Dokumentation oder digitale Übermittlung von meinen Performances zu verstehen.
Kannst du zur Wahl deiner beiden Kooperationspartnern noch mehr sagen?
Das Zendo am Fluss war meine erste Wahl. Die Begegnung im Zen-Meditationszentrum hat meine Master-Arbeit von Beginn an geprägt und mit meiner rituellen Darbietung bei den Live-Legungen schliesse ich sozusagen den Bogen. Ich beziehe mich dabei auf verschiedene Elemente welche ich bei meinen Besuchen dort erfahren habe, wie beispielsweise das Ertönen des Han-Schlagens zu Beginn meiner Legung oder dem anschliessenden Austausch bei einer Tasse Tee. Die Auseinandersetzung mit der Konzentration und dem In-sich-gehen ist in der Meditationspraxis die Essenz, das gilt auch für meine künstlerische Arbeit. Mein zweiter Kooperationspartner ist der Ahoi Space, ein junger spartenübergreifender Off Space für Kunst, Literatur, Musik und vielem mehr. Er bot mir ein idealer Ort für eine intime Präsentation meiner Arbeit bezüglich der Grösse, seines Standortes und dem offenen Umgang für Inhalte.
Nun kommen wir noch zu deinem letzten Teil, der deine Master-Thesis beinhaltet.
Genau, nebst diesen verschiedenen Präsentationen meiner Bilder habe ich mich in Form eines Artist Books gedanklich und zeichnerisch auseinandergesetzt. Angefangen hatte alles mit der Frage: Was mache ich eigentlich? Ich habe begonnen, mich und meine Arbeitsweise genau zu beobachten und zu reflektieren. Dabei sind viele verschiedene Themenfelder aufgetaucht, unter anderem die Intuition, die Konzentration, der Rückzug, die Erinnerung, das Setting, das Archiv oder die Sammlung und der Raum. Ich habe mich auf das Thema der Intuition konzentriert. Ich wollte herausfinden, was ich meine, wenn ich sage: Ich male und zeichne intuitiv! Ich habe begonnen, Verschiedenes zum Thema zu lesen und mich mit unterschiedlichen Leuten auszutauschen. Es entstand eine Sammlung von Gesprächen mit Personen mit verschiedenen beruflichen Hintergründen. Es war spannend zu erfahren, dass in der Psychologie, der Pädagogik, der Philosophie, der Neurowissenschaft und der Kunst teilweise unterschiedlich über die Intuition gesprochen wird, schlussendlich jedoch sehr ähnliche Definitionsansätze vorhanden sind. Zum geschriebenen Text gibt’s einen Film mit einer meiner ersten dokumentierten Legung im Atelier und gesprochenen Zitaten aus diesen Gesprächen. So mache ich die Verbindung zu meiner praktischen Arbeit. Mir war es wichtig, dass direkte Parallelen zwischen der theoretischen und der praktischen Auseinandersetzung zu erkennen sind.
Und wie geht es künstlerisch mit dir nach dem Abschluss weiter?
Diese Frage beschäftigt mich mich schon seit längerer Zeit. Als Mutter von zwei kleinen Kindern stellt sich mir jetzt umso mehr die drängende Frage nach der Vereinbarkeit von Kunst und Familie. Während des Studiums war mir die Zeit und der Raum für meine künstlerische Arbeit - zumindest meistens - gegeben und wurde nicht in Frage gestellt. Nun, nach Abschluss werde ich aber mit einer neuen Situation konfrontiert: Ich brauche endlich eine bezahlte Arbeit, und da frage ich mich: Wann und wie kann ich meine künstlerische Auseinandersetzung weiterverfolgen, ohne, dass meine Familie darunter leiden muss?
Und, hast du eine Antwort für dich darauf gefunden?
Nein. Aber ich bin zuversichtlich. Über die letzten Jahre hinweg konnte ich eine künstlerische Praxis aufbauen, auf welche ich auch nach dem Studium zurückgreifen kann. Mit den Legungen meiner Bilder habe ich mir zudem ein Setting geschaffen, das ich an wechselnden Orten und in unterschiedlichen Kontexten einbinden kann. Ich suche mir also auch in Zukunft verschiedene Gegenüber für meine Legungen und ermögliche somit einen Austausch. Und wie ich dir zu Beginn des Gespäches erzählt habe, ist mein künstlerischens Schaffen gleichzeitig auch mein persönlicher Rückzug aus meinem Leben. Diesen Freiraum werde ich mir einfach nehmen, mir und der Kunst zuliebe!
Das hört sich spannend an! Danke für das Selbstgespräch!
Danke dir.